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Reportagen

Mallorca es un mundo – Mallorca ist eine (ganze) Welt

So beschreibt meine Bekannte Elena Lucio ihre Insel. Mallorca ist fernab der publikumsträchtigen Pseudo-Realität der Medien, des Jet-Set und des Katalog-Tourismus eine Fundgrube spannender Geschichten. Einige davon können Sie hier, z.T. auszugsweise, entdecken.

 

Farbenspiel: Die Salzberge der Saline in Colonia Sant Jordi
Farbenspiel: Die Salzberge der Saline in Colonia Sant Jordi. Foto: Arne Machel

Das weiße Gold

Grob fühlt es sich an. Kantig, eckig, wenn man es zwischen den Fingerkuppen zerreibt. Ein Griff in den nächsten Sack. Körnig auch hier der weiße Inhalt, aber ein bisschen feiner, rundlicher. Der Aha-Effekt kommt beim Griff in den dritten Jute-Beutel. Leicht, wie Schneeflocken, die sich beim Anfassen fast verflüchtigen.

Salzprobe: Die Teilnehmer der Führung von LaSal können die unterschiedlichen Salzqualitäten erspüren.Foto: Arne Machel
Salzprobe: Die Teilnehmer der Führung von Lasal können die unterschiedlichen Salzqualitäten erspüren.Foto: Arne Machel

Encarna Figueroa strahlt, als jeder in der Gruppe, vom zehnjährigen Knirps bis zum rüstigen Rentner, die Unterschiede im wahrsten Sinne „begriffen“ hat. Schlusspunkt einer zweistündigen Tour rund um die Salinen von Salinen von Colònia de Sant Jordi im Südosten Mallorcas. Dreimal Salz, drei Welten und doch eine gemeinsame Geschichte. Das Kantige, manchmal rosa schimmernde Salz stammt direkt aus der Saline hinter uns. Das rundliche ist eine mallorquinische Spezialität: „Sal de coco“, entstanden durch Meerwasser-Verdunstung in den „cocones“, den kleinen Vertiefungen an der Felsküste. Und das federleichte, schneeflockenartige Salz ist „Flor de Sal“, die Blume des Salzes. Es entsteht, bevor sich die Salzkristalle verdichten und im flachen Wasser der Saline zu Boden sinken. Von Hand abgeschöpft, ist es die Haute Cuisine der Salzkultur.

Salz entsteht hier allein durch den natürlichen Prozess der Verdunstung; bis zu sechs Monate braucht es, bis die blendend weißen Salzberge aufgeschichtet werden können. Seit Anfang 2012 haben es sich Encarna Figueroa und ihre Mitstreiterin Elisabet Oliver zur Aufgabe gemacht, die historische Salzgewinnung auf den Balearen-Inseln bekannt zu machen und ihre einzigartige Naturlandschaft zu erhalten. Die Saline von Colònia de Sant Jordi ist eine der ältesten im Mittelmeerraum, erstmals erwähnt im 4. Jahrhundert vor Christus. Seit 1383 ist die Saline im Besitz der Familie Descatlar. Diese Tradition, die einzigartige kreisförmige Anlage, ihr Wert als Rückzugsgebiet für Zugvögel, machen sie zum Objekt, das die „Asociación Lasal“ erhalten will.

Encarna Figuero del Rio ist eine der Mitarbeiter des Vereins La Sal. Foto: Arne Machel
Encarna Figuero del Rio ist eine der Mitarbeiter des Vereins Lasal. Foto: Arne Machel

„Wenn man auf Mallorca einem Moment nicht aufpasst, ist plötzlich etwas Wichtiges weg und etwas Neues da“, grübelt Encarna , die mir beim Café con leche die Hintergründe ihres Vereins erklärt, mit einem Blick auf die andere Straßenseite. Dort strahlt ein Vier-Sterne-Club, errichtet auf den ehemals zur Saline gehörenden Salzwiesen.

Von früher 55 Hektar sind nur noch 22 Hektar für die natürliche Salzgewinnung geblieben. Mit den Führungen für Schulklassen und Touristen rückt Lasal die alte Salzgewinnung und die Natur wieder ins Bewusstsein, auch der Mallorquiner. Der Boom von „Flor de Sal“ als Touristen-Mitbringsel hilft da ein bisschen. Im Besucherzentrum von Colònia de Sant Jordi kann mit Lasal jeder sein eigenes Salz selbst mischen. Fernziel ist ein Netzwerk, das alle alten Salinen der Balearen umfasst. Encarna und Elisabet wissen, dass sie für ihr ihr Projekt viel Geduld und viele Arbeitsschritte brauchen. Aber das ist bei der Salzgewinnung ja auch so.

Information und Buchung von Führungen: Tel. 0034 661 486 698 (Führungen Mai- September täglich 9.30 und 18 Uhr, Wintersaison nach Vereinbarung); www.lasal.cat

Santanyi – Eine stille Liebe

Mit einem Augenzwinkern zieht Señor Lopez die dicken Vorhänge beiseite. Gleich wird die Temperatur im Speisesaal hochschnellen, trotz geöffneter Fensterflügel, aber der Chefkellner, von Stammgästen und Kollegen liebevoll „Paco“ genannt, weiß, was seine Gäste wünschen: Gerade schiebt sich die Sonne über die Pinienwipfel auf der gegenüberliegenden Seite der Cala Santanyi und verwandelt das Wasser der Bucht in ein Farbenspektakel, vom dunkelsten Tintenblau über smaragdgrün bis zum durchscheinenden Türkis. Die Sonne setzt noch ein paar goldene Konfettis drauf. Schöner kann ein Urlaubstag im Südosten Mallorcas gar nicht anfangen.

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Die Bucht von Cala Santanyi. Foto: Arne Machel

Die Aussicht vom Frühstückstisch ist grandios, so mancher Gast kann sich nicht losreißen und nippt verschämt an seinem längst kalt gewordenen Kaffee. Für die erste Mahlzeit des Tages im Hotel Pinos Playa in Cala Santanyi nimmt man sich Zeit, genießt die Sonnenstrahlen und plant den Tag.

Heute einmal in die Richtung, aus der die Sonne gerade aufgetaucht ist? Vom östlichen Zipfel des (offiziell) rund 600 Einwohner zählenden Küstenfleckens führt ein wunderschöner Küstenweg ins benachbarte Fischerörtchen Cala Figuera: Links duftender Pinienwald, rechts schroffer Abgrund und Wellen, die sich schäumend an den Felsen brechen. Dann auf der Mole eine Pause einlegen, den Fischern beim Flicken der Netze zusehen und fragen, in welchen  Restaurants ihr Fang heute Abend auf den Tellern kommt. Ein Rundgang entlang der Wasserlinie durch den pittoresken Hafen ist ein Genuss für die Augen.

Der Rückweg nach Cala Santanyi kann dann, weniger beschwerlich über die Wege oberhalb der Küste führen: Entlang an den in Handarbeit aufgeschichteten Bruchsteinmauern, den „margues“ mit ihren Oliven- und Mandelbaumhainen.  Zwischendurch verlockt immer wieder ein Aprikosenbaum mit seinen leuchtenden Früchten zum Naschen. Wieder in der Zivilisation, schlendert man etwas neidvoll an den schmucken Villen vorbei, die sich gutbetuchte, meist deutsche Dauergäste haben errichten lassen. Hübsch, aber nicht protzig – die Boris Beckers und Michaels Douglas‘ haben die Cala Santanyi zum Glück rechts liegen lassen.

In Richtung Süden gibt es zwei lohnende Entdeckungspfade: Keine 30 Minuten sind es zum „Es Pontas“ dem spektakulären Felsentor, schon ein Wahrzeichen der Insel. Unterwegs begegnet  der Wanderer dem „Equilibrio“, einem Steinkreuz, das der Künstler Rolf Schaffner hier 1995 als erstes seiner Eckpunkte der „Meridiane des Friedens“ errichtete. Die weiteren stehen in Trondheim, Wolgograd und Cork (Irland), das Zentrum in Bensberg bei Köln.  Doch die Wirkung der Kunst verblasst gegenüber der Kunst der Natur, die den Pontas geschaffen hat.

Auch mit Flip-Flops zu bewältigen ist der Weg zur benachbarten Bucht von Es Llombards, die noch ursprünglicher ist als die Cala Santanyi.  Der Ort oberhalb besteht nur aus Ferienhäusern, entsprechend ruhig geht es am Strand zu. In der Hochsaison voll, ja, aber nie überfüllt.

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Handgemachte Sonnenschirme an der Cala Llombards. Foto: Arne Machel

Und vormittags sowieso nicht. Hat man den Ausblick von oben genossen, trennen einen nur noch gut 100 Treppenstufen von fast weißen Sand und den türkisfarbenen Meer. Hier wie auch an der Cala Santanyi glasklares Wasser, das diesen Titel auch verdient. Urlaub in Cala Santanyi, das entschleunigt. Das Publikum gehört meist der älteren Generation an, in der Ferienzeit kommen viele Familien mit Kindern und auch die Leute aus Barcelona vom Festland kommen gerne übers Wochenende. Party-Publikum: Fehlanzeige. S’Arenal und Cala Ratjada  liegen in einer anderen Welt. Böse formuliert, ist in Cala Santanyi der Hund begraben. Zwei Hotels, eine Handvoll Appartementanlagen. Drei gemütliche Bars, ein kleiner und ein Miniatur-Supermarkt, ein Strandkiosk – das war’s.

In der Wintersaison ab November ist das Dörfchen eine Geisterstadt. Wer Nordsee-Wasser gewohnt ist, kann trotzdem im Dezember bei strahlendem Sonnenschein und Temperaturen bis 20 Grad ein Bad nehmen. Und in der Saison, von Anfang Mai bis Ende Oktober: „Calma“, Ruhe. Sonnenbrillen-Verkäufer, Möchtegern-Masseusen, Hütchenspieler – niemand vermisst sie hier.

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Jahrelang eine Institution an der Cala Santanyi: Das alte Obstverkäufer-Paar. Foto: Arne Machel

Dafür braucht der Strandgänger an der Cala Santanyi keine Uhr. Um 15 Uhr tönt es markerschütternd zwischen den grasgedeckten Sonnenschirmen hindurch: „Hola! pineapplecocomelon! Vitamina y potencia por la papa y la mama!“ Der Obstverkäufer schiebt seinen mächtigen Bauch und seine Schubkarre vor sich her, seine Frau quält sich mit dick geschwollenen Beinen hinterher, sorgt aber mit ihrer Stimme, die ohne Verstärker den hintersten Winkel erreicht, für  Werbung und prächtigen  Umsatz. Die beiden haben hier und an der einige Kilometer entfernt liegenden Cala Mondrago schon Ananas verkauft, als das Viertel „pineapple“ noch 500 Peseten und nicht 5 Euro kostete. Sie gehören zum Strand wie das Türmchen des Rettungsschwimmers. Als die Señora im Sommer eine Woche  das Bett hüten muss, gibt es gleich von den Badegästen besorgte Nachfragen: „Es ist doch hoffentlich nicht Schlimmes?“

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Modenschau am Strand: Pareo-Verkäuferin an der Cala Santanyi. Foto: Arne Machel

16 Uhr, darauf warten die männlichen Strandgäste noch mehr als die weiblichen: Dann machen dann zwei mallorquinische Schönheiten den kleinen Strand zu ihrem Laufsteg. Präsentieren Pareos und Strandkleider. Wer etwas kaufen will, muss sie ansprechen – nicht umgekehrt.  Wer die beiden Damen nach getaner Arbeit die bunten Stoffe akribisch zusammenfalten sieht, möchte sie am liebsten für den Waschtag nach dem Urlaub engagieren. Für das Ende des Strandtages sorgt die Sonne selbst. Passend für die Dusche vor dem Abendessen verschwindet sie hinter den Pinien auf der anderen Seite der Bucht.

Tagsüber shoppen oder abends ausgehen – da brauchen die Feriengäste schon einen Mietwagen, um „hinauf in die Stadt“,  nach Santanyi nämlich zu kommen. Selbst unter Mallorquinern gilt Santanyi mit seinen gerade mal 12 000 Einwohnern als kleines Schmuckstück.

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Die besten Tomaten der Welt: Obststand auf dem Markt in Santanyi. Foto: Arne Machel

Der Markt, jeweils mittwochs und Samstag, ist mit seinem riesigen Obst- und Gemüseangebot schon allein farblich eine Pracht. Am schönsten ist hier ganz früh morgens, wenn die Händler noch ihre Kisten auspacken, und untereinander diskutieren, wer die prächtigsten Tomaten im Angebot hat. In den engen Gassen finden sich hübsche Geschäfte, pittoreske Kneipen und erstklassige Restaurants.

Santanyi spürt Wohltat und Fluch des Tourismus gleichermaßen. Er lässt sich nicht leugnen, hat dem Städtchen aber auch gut getan. Zahlreiche Stadthäuser erstrahlen dank ausländischer Käufer oder zu Wohlstand gekommener Einheimischer in neuem Glanz. Ob die Gäste nun in jedem Geschäft oder jedem Restaurant nun auf Deutsch angesprochen werden müssen, das sei dahin gestellt. Unter einheimischen Kellner wird jedenfalls kritisiert, dass in Santanyi keiner einen Job bekommt, der nicht Deutsch kann. Da strahlt der „Hamburger Hügel“, dessen in die Landschaft hinein gesprenkelte Fincas  norddeutscher Geldleute sich bis hinauf nach Felanitx ziehen, eben aus.

Ausnahmen gibt es, zum Glück. Die  kleine Bar am der Kirche gegenüberliegenden Ende des Markplatzes beispielsweise. Sie ist übrigens keine Filiale des (deutschen) Immobilienhändlers nebenan, der werbewirksam die Sonnenschirme für den Außenbereich spendierte. Die Kneipe ist das Vereinslokal der Fans vom FC Barcelona, der eben immer noch besser ist als die heimischen Kicker von Real Mallorca. Wer hier „Barça“ am Fernsehschirm miterleben darf, braucht nie wieder eine Südkurve.

Pinienwälder, Obstbäume, Strände, wunderschöne Dörfer, herzliche Menschen. Elena Lucio, die nach Jahren der Wanderschaft durch Europa und Südamerika wieder hier heimisch wurde, liebt ihre Insel: „Mallorca es un mundo“ – Mallorca ist eine ganze Welt.

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